Carry Brachvogel – Die Münchner Frauenrechtlerin und Schriftstellerin

„… modern sein heißt für die Frau, ihr Leben nicht ausschließlich auf die Liebe festlegen“

Als Tochter des jüdischen Kaufmanns Heinrich Hellmann und seiner Frau Zerlinda wurde Karoline am 16. Juni 1864 in München geboren. Carry, wie das Mädchen genannt wurde, und ihr 8 Jahre jüngerer Bruder Siegmund wuchsen in einer wohlhabenden, liberalen und kulturell interessierten Familie auf. Während Siegmund später zum Protestantismus konvertierte und auch seine Kinder taufen ließ, hielt Carry zeitlebens an ihrem Judentum fest. 1887 heiratete sie Wolfgang Brachvogel, der Redakteur bei den Münchner Neuesten Nachrichten war. Das Paar bekam eine Tochter und einen Sohn.

Nachdem ihr Mann nur fünf Jahre später bei einem Unfall ums Leben kam, blieb Carry Brachvogel unverheiratet und zog die Kinder alleine groß. Damit wich sie von den Normen der Zeit ab und lehnte eine sogenannte Versorgungsehe ab. Stattdessen besann sie sich auf das Schreiben und sorgte selbst für den Lebensunterhalt der Familie. Die Leidenschaft zur Literatur trug sie wohl schon viele Jahre in sich, später bezeichnete sie den Wunsch, Schriftstellerin zu werden als eine „unbeschreibliche(n) Sehnsucht Bücher zu schreiben, die mich erfüllte, kaum dass ich ordentlich lesen konnte“. Wann genau sie zu schreiben begann, ist nicht bekannt. Offensichtlich schrieb sie bereits während ihrer Ehe, doch erst 1895 erschien ihr erster Roman Alltagsmenschen im renommierten S. Fischer Verlag. In den 40 Jahren ihres schriftstellerischen Schaffens legte sie ca. 40 Prosa-Arbeiten und 2 Theaterstücke vor, die in unterschiedlichen Verlagen erschienen. Bald schrieb sie außerdem für verschiedene Zeitungen, überwiegend im Feuilleton.

Carry Brachvogel (Foto: Theodor Hilsdorf, Münchner Stadtmuseum, Sammlung G-28/1382, Wikimedia CC BY-SA 4.0)

In vielen ihrer Werke wählte Brachvogel weibliche Persönlichkeiten der Geschichte als Protagonistinnen, wie etwa Maria Theresia, Laetitia Bonaparte, Napoleons Mutter, oder Katharina II. von Russland. Andere Werke Brachvogels schildern das bürgerliche Milieu in ihrem Umfeld und die Konventionen, denen Frauen in der Ehe unterlegen waren. Aber auch ihr bayerisches Umfeld und die Mundart, die sie zuhause in München und in der Sommerfrische im Chiemgau erlebte, flossen in ihre Werke ein.

Carry Brachvogel trat auch ganz offen und konkret für die Rechte der Frauen und ihre Gleichberechtigung im Berufsleben ein. Während sie zunächst im „Verein für Fraueninteressen“ aktiv war, engagierte sie sich nach 1913 vor allem im „Münchner Schriftstellerinnen-Verein“, den sie selbst mitbegründete. 20 Jahre war sie erste Vorsitzende in diesem Verein, bis sie 1933 ihrer Position enthoben wurde. Dabei war Brachvogel überwiegend im sozialen Bereich tätig und kämpfte gegen unbezahltes Arbeiten und Ausbeutung durch Verleger.

Carry Brachvogel vertrat den Grundsatz, dass Frauen sich nicht in der Ehe verlieren sollten, sondern die eigenen Interessen genauso wichtig seien, wie die des Ehemanns und nach Selbstverwirklichung verlangten. Frauen sollten nach ihrer Ansicht jedoch nicht versuchen, Männer nachzueifern, sondern ihrer natürlichen Weiblichkeit treu bleiben. Das Muttersein war für sie zwar nicht das einzig Wichtige, jedoch ein natürlicher Teil des Lebens. Diese Grundsätze vertrat sie auch im privaten Bereich, etwa gegenüber ihrer Tochter Feodora, der sie zur Lösung einer unglücklichen Verbindung riet. Feodora sollte ledig bleiben und bei ihrer Mutter leben.

Eine enge Bindung hatte Carry Brachvogel auch zu ihrem Bruder, dem Historiker Siegmund Hellmann. Er lehrte zunächst in München, dann bis 1933 mittlere Geschichte und Historische Hilfswissenschaften in Leipzig. Nach seiner Entlassung infolge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums kehrte er nach München zurück und lebte bei seiner Schwester.

Das Judentum spielte in Carry Brachvogels Leben keine bedeutende Rolle. Sie praktizierte den Glauben nicht und hielt in Deutschland die Assimilation für die beste „Lösung der Judenfrage“, wie sie auf eine Umfrage von Julius Moses 1911 antwortete. Sie hielt „Mischehe und Taufe der Neugeborenen“ für richtig, sprach sich aber gegen die Taufe bei Erwachsenen aus: „Für die Taufe der Erwachsenen bin ich nicht sehr eingenommen; es kommt mir zwar durchaus nicht beschämend vor, ein quasi angeborenes Bekenntnis abzustreifen, an das man nicht glaubt, aber recht beschämend, mit Bewusstsein ein neues zu wählen, an das man ebenfalls nicht glaubt.“ Diese Aussage bezeugt vor allem deutlich, dass Carry Brachvogel sich selbst treu blieb. Sie lebte ein selbstbestimmtes Leben als Frau und Schriftstellerin und ließ sich dabei weder in religiöse noch standesgemäße Konventionen zwingen.

Am 21. Juli 1942 wurden Carry Brachvogel und Siegmund Hellmann in der Wohnung der Familie in der Herzogstraße abgeholt und zunächst in das Barackenlager an der Knorrstraße in München Milbertshofen gebracht, das als Sammellager für die Deportationen diente. Von hier schrieb Carry einen letzten Gruß an ihre Tochter Feodora, in dem sie ihr mitteilte, dass es am nächsten Tag nach Theresienstadt weiter gehe. „Vermiete nun nur so rasch und gut wie möglich“, wies sie ihre Tochter an. „Sei mutig, lies keine Zeitung. Wie grüßen Euch vielmals! Deine alte zuversichtliche Mama.“
Am folgenden Tag wurden die Geschwister nach Theresienstadt deportiert. Carry Brachvogel starb dort am 20. November 1942. Ihr Bruder Siegmund Hellmann starb nur knapp zwei Wochen nach ihr.

Quellen:

Renate Heuer, Carry Brachvogel (1864-1942), Schriftstellerin, in: Manfred Treml u. a. (Hg.), Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Lebensläufe, München 1988.

Judith Ritter, Die Münchner Schriftstellerin Cary Brachvogel, Literatin, Salondame, Frauen-rechtlerin, Berlin 2016.

Ingvild Richardsen, Carry Brachvogel, in: Ingvild Richardsen (Hg.), Evas Töchter: Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung 1894–1933, München 2018.