Kurt Eisner – Der erste jüdische Ministerpräsident

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde München zum Schauplatz ungewöhnlicher politischer Konstellationen: Ein Journalist aus Berlin, Kurt Eisner, wurde im November 1918 der erste jüdische Ministerpräsident eines deutschen Staates, während jüdische Schriftsteller wie Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam sich im April 1919 für die Räterepubliken engagierten. Gleichzeitig gab es stark konservative Gegenströmungen und antisemitische Hetze.

Kurt Eisner wurde am 14. Mai 1867 in Berlin geboren. Die Eltern, der aus Böhmen stammende Kaufmann Emanuel Eisner und seine zweite Frau Hedwig, geb. Levenstein, hatten insgesamt vier Kinder, von denen zwei im Kindesalter verstarben. Auch Kurt war ein kränkliches Kind, was die große Fürsorge der Mutter auf sich zog.

Die Familie führte einen gehobenen bürgerlichen Haushalt, mit Dienstmädchen, jährlichem Sommerurlaub an der Ostsee und Klavierunterricht für Kurt. Auch wenn den Kindern jüdische Grundlagen vermittelt wurde, lebte die Familie bei Weitem nicht orthodox. Kurt verlor im Laufe der Jahre immer mehr die Verbindung zur Religion, dennoch war ihm sein Judentum wichtig und er hat es nie verleugnet.

Nach dem Abitur begann Kurt Eisner an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin Germanistik und Philosophie zu studieren. Wohl vor allem aus materiellen Gründen gab er seine Doktorarbeit auf und begann, als Journalist zu arbeiten. Die wirtschaftliche Situation der Familie hatte sich mittlerweile verschlechtert, dass sie das Studium nicht weiter finanzieren konnte. Eisner schrieb für verschiedene Zeitungen im Laufe der 1890er Jahre und machte vor allem mit seinen Nietzsche-Kritiken auf sich aufmerksam. 1882 heiratete er die Malerin Lisbeth Hendrich, mit der er fünf Kinder hatte.

1897 wurde Eisner wegen Majestätsbeleidigung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung warb Wilhelm Liebknecht, Chefredakteur des Vorwärts, ihn als Mitarbeiter für die Redaktion des Zentralorgans der SPD an. Fortwährende interne Konflikte über die Ausrichtung der Zeitung ließen Eisner und weitere Redakteure kündigen. Nach einem Jahr als freier Autor und Journalist verließ Eisner im Frühjahr 1907 Berlin und die Familie – seine Ehe war zerrüttet – und trat die Stelle als Chefredakteur der Fränkischen Tagespost in Nürnberg an. Ende 1910 ging er nach München, nachdem seine Beziehung zu einer Mitarbeiterin, Else Belli, für Unmut gesorgt hatte. In München lebte das Paar zunächst unverheiratet zusammen, nach der Scheidung Eisners heirateten sie und bekamen zwei Töchter.

Während des Ersten Weltkrieges wurde Eisner zum radikalen Pazifisten und schloss sich der pazifistischen Vereinigung Bund Neues Vaterland an, der u. a. auch Albert Einstein, Clara Zetkin, Stefan Zweig und Gustav Landauer angehörten. Als sich 1917 die Kriegsgegner in der SPD abspalteten und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands gründeten, war Eisner die führende Figur der USPD in Bayern.

Im Januar 1918 hatte Eisner einen Streik der Münchner Munitionsarbeiter organisiert, wurde daraufhin verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im Oktober kam er nach einer frühzeitigen Entlassung frei und sollte nur kurz darauf zu einem der Protagonisten der Novemberrevolution in München werden.
Gemeinsam mit dem USPD-Politiker Ludwig Gandorfer führte Eisner am 7. November 1918 jenen Demonstrationszug von der Theresienwiese durch München an, der schließlich zum Rückzug König Ludwigs III. führte. In der Nacht zum 8. November rief Eisner den „Freistaat Bayern“ aus:
„Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!“
Oskar Maria Graf, der nur wenige Schritte hinter Eisner und Gandorfer ging, hielt den Marsch in seinem autobiographischen Roman Wir sind Gefangene fest: „Der Marsch hatte begonnen und war unaufhaltsam. Keine Gegenwehr kam. Alle Schutzleute waren wie verschwunden. Aus den vielen offenen Fenstern der Häuser schauten neugierige Menschen auf uns herunter. Überall gesellten sich neue Trupps zu uns, nun auch schon einige Bewaffnete. Die meisten Menschen lachten und schwatzten, als ging’s zu einem Fest. Hin und wieder drehte ich mich um und schaute nach rückwärts. Die ganze Stadt schien zu marschieren.“

Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner mit Frau und Minister Hans Unterleitner im Januar 1919. (Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ministerpr%C3%A4sident_Kurt_Eisner_mit_Frau_und_Minister_Unterleitner,_1919.jpg)

Eisner wurde vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der neuen bayerischen Republik gewählt, ein Amt, das er gut 100 Tage innehaben sollte. Die Landtagswahlen am 12. Januar 1919 zeigten, dass Eisners USPD bei Weitem nicht auf breite Zustimmung stieß und nur 2,53 Prozent der Stimmen enthielt. Auf dem Weg zum Landtag, wo Eisner am 21. Februar 1921 seinen Rücktritt einreichen wollte, wurde er von dem Studenten Anton Graf von Arco erschossen.

Kurt Eisner (Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:WP_Kurt_Eisner_3.jpg)

Das Judentum spielte in Eisners Leben keine Rolle, er hatte sich von der Religion weit entfernt. Nur der Antisemitismus erinnerte ihn immer wieder an seine jüdische Herkunft. Während Eisner sich zu seinem Judentum nur marginal äußerte, gibt es mehrere Aussagen von ihm über Antisemitismus. Als Sozialist ging er davon aus, dass der Antisemitismus in einer sozialistischen Weltordnung verschwinden würde. Als Jude war er besonderen Anfeindungen während des Umsturzes in München ausgesetzt. Auch der Attentäter begründete seine Motive antisemitisch und schrieb: „Eisner strebt nach Anarchie, er ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, er untergräbt jedes deutsche Gefühl, er ist ein Landesverräter.“

Eisners Weggefährt Gustav Landauer zog in seiner Grabrede den Bogen zu Eisners Judentum: „Kurt Eisner, der Jude, war ein Prophet, weil er mit den Armen und Getretenen fühlte und die Möglichkeit, die Notwendigkeit schaute, der Not und Knechtung ein Ende zu machen.“ Oskar Maria Graf hielt die Szene fest: „Der Ostfriedhof war so voll, dass nichts zu sehen war als Köpfe und Fahnen. Gustav Landauer hielt die Gedenkrede, aber keiner hörte ihn, viele feierten den Toten. Es war wirklich, als das letzte Hoch auf die Revolution erschallte, als schrie die Erde selbst.“ Nur drei Monate später wurde auch Gustav Landauer ermordet.

Quellen:

Bernhard Grau, Kurt Eisner. 1867–1919. Eine Biographie, München 2001.

Michael Brenner, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923, Berlin 2019.

Oskar Maria Graf, Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis, München 1999.