Nach der endgültigen Vertreibung der jüdischen Minderheit aus Nürnberg zum Ende des Mittelalters dauerte es rund 350 Jahre, bis sich 1850 mit dem Hopfenhändler Josef Kohn wieder ein Jude in der Stadt niederlassen durfte. Die Entscheidung des Magistrats fiel mit neun zu acht Stimmen äußerst knapp aus. Schon wenige Jahre später zählte die jüdische Gemeinschaft Nürnbergs bereits etwa 100 Personen und nahm stetig zu, sodass 1871 rund 1.800 jüdische Bürger in der Stadt lebten. Darunter befand sich auch der Bruder von Josef Kohn, Anton, der erste Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg. Er gründete 1878 das „Bankhaus Anton Kohn“. Das Kreditinstitut entwickelte sich erfolgreich und wurde bald zur größten Privatbank in Bayern. Nach dem Tod des Gründers 1882 führten die Söhne und Enkel das Haus weiter. Die Kohns engagierten sich auf vielfältige Weise in der städtischen Gesellschaft und genossen hohes Ansehen. Familienmitglieder übernahmen Posten in der Handelskammer oder auch im Stadtrat und förderten mit Stiftungen die Wohlfahrtspflege. 1912 wurde im Zentrum der Stadt ein neues repräsentatives Bankgebäude errichtet. Neben der regionalen Bedeutung verfügte das Bankhaus Anton Kohn auch über internationale Kontakte und Beteiligungen an Industriebetrieben.

Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten gerieten die Kohns immer mehr ins Fadenkreuz des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Ihr Name, der in antisemitischen Witzen zum Synonym für Juden gebräuchlich war und ist, passte in das Klischee des „raffenden Geldjuden“, der nicht nur wirtschaftlich die Weltherrschaft anstrebt, sondern sich auch noch an „arischen“ Frauen und Mädchen vergeht. Es war demnach kein Zufall, dass Richard Kohn der „Rassenschande“ bezichtigt wurde. In einem „Stürmer“-Artikel mit der Überschrift „Der Bankjude Dr. Richard Kohn in Nürnberg“ und einem Portraitfoto aus Polizeibeständen wurde diese verleumderische Meldung in die Welt gesetzt. Der Hintergrund: Die Nationalsozialisten hatte schon lange versucht, eine „Arisierung“ des Bankhauses Kohn in die Wege zu leiten – das heißt die Bank für einen Bruchteil des Wertes in ihren Besitz zu bekommen. Um die Brüder Martin und Richard Kohn zu Verhandlungen zu zwingen, war Richard Kohn zeitweise inhaftiert worden. Im November 1938 mussten die Kohns das Geschäftshaus, ihre Villa nebst den Grundstücken der NSDAP-Gauleitung zu einem Spottpreis zum „Kauf“ anbieten – die Bank wurde liquidiert. Die jüdische Familie verlor nicht nur die Firma und den Grundbesitz, sondern auch ihr gesamtes Privatvermögen. Rund ein halbes Jahr später erwarb die Stadt Nürnberg die Immobilie, wie in einem Stadtratsprotokoll nachzulesen ist: „Am 3. Jui 1939 hat ein im Zuge der Überführung jüdischen Grundvermögens in deutsche Hand bedeutsamer Besitzwechsel in unserer Stadt stattgefunden. Die Anwesen des jüdischen Bankhauses Kohn sind an diesem Tag durch Kaufvertrag in den Besitz der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg übergegangen.“ Die örtliche Tageszeitung, Organ des NSDAP-Gaus Franken, jubilierte im Stürmerstil: „Der letzte Schandfleck getilgt – Bankhaus Kohn in städtischem Besitz – Alle Zeichen einstiger Judenherrschaft in Nürnberg ausgelöscht“.

Foto: Stadtarchiv Nürnberg (A 38 Nr. E-26-1)
Während die ältere Generation der Kohns verschleppt und ermordet wurde, Martin, Richard und Schwester Johanna wurden Opfer der ersten Deportation am 29. November 1941 mit Endziel Riga, gelang es den jüngeren Familienmitgliedern sich in die Emigration zu retten. Bei einem Anfang der 1950er Jahre vor der „Wiedergutmachungskammer“ abgeschlossenen Vergleich verpflichtete sich die Stadt Nürnberg eher widerwillig 450.000 DM an die Erben auszuzahlen. Eine Entscheidung, die nicht nur in der Presse auf Kritik und Unverständnis stieß. „Stadt muss für Handlungen der Vorgänger blechen“ titelt etwa das Nürnberger „Acht-Uhr-Blatt“.
Quellen:
Melanie Wager, Der Stürmer und seine Leser. Ein analoges antisemitisches Netzwerk, Berlin 2024.
Maren Janetzko, Haben Sie nicht das Bankhaus Kohn gesehen? Ein jüdisches Familienschicksal in Nürnberg 1850–1950, Nürnberg 1998.
Arnd Müller, Geschichte der Juden in Nürnberg 1146–1945, Nürnberg 1968.